Neidhart und die Neidhart-Lieder

9783110334067

Das bereits angekündigte Handbuch über den mittelalterlichen Sängerpoeten Neidhart, herausgegeben im Verlag de Gruyter von Margarete Springeth und Franz Viktor Spechtler, unter Mitarbeit von Katharina Zeppezauer-Wachauer, wird voraussichtlich im Dezember 2017 erscheinen. Neidhart gilt neben Walther von der Vogelweide als einer der originellsten, erfolgreichsten und wirkungsvollsten Lieder-Autoren des deutschsprachigen Mittelalters. Unter seinem Namen ist uns ein reichhaltiges lyrisches Oeuvre überliefert. Das Handbuch bilanziert den aktuellen Stand der Forschung über den Autor und sein Werk aus historischer, literaturwissenschaftlicher, linguistischer, musikwissenschaftlicher, rezeptions- und kunstgeschichtlicher Perspektive. Die methodische Grundlage des Handbuchs bildet die 2007 erschienene dreibändige Salzburger Edition der Lieder Neidharts (SNE), in deren Fokus die kritische Sichtung und Aufbereitung der Gesamtüberlieferung steht.

 

Eingeleitet wird der Band durch die Überblicksdarstellung des historischen Kontextes zur Lebenszeit Neidharts in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von Birgit Wiedl (St. Pölten). Ingrid Bennewitz (Bamberg) und Volker Mertens (Berlin) gehen den spärlichen biographischen Spuren des Dichters nach, die sich ausschließlich aus literarischen Quellen erschließen lassen. Der systematischen Auseinandersetzung mit der Überlieferung widmen sich Ingrid Bennewitz und Annette Hoppe (Aachen). Ursula Schulze (Berlin) bietet einen komprimierten Abriss der Forschungsgeschichte und der zentralen Narrative in Neidharts Liedern. Es folgt ein Vergleich verschiedener Lied-Typologien in der Neidhart-Forschung von Anna Kathrin Bleuler (Salzburg) sowie eine sprachwissenschaftliche Analyse der Lieder von Nine Miedema (Saarbrücken).

 

Mittelalterliche Lyrik ist stets gesungene, vor einem höfischen Publikum mit oder ohne Instrumentalbegleitung vorgetragene Dichtung. Diesem gelegentlich übersehenen Faktum tragen die Beiträge von Horst Brunner (Würzburg), Marc Lewon (Basel) und Martin Schubert (Düsseldorf) zur Melodieüberlieferung und zur musikalischen Umsetzung Rechnung.

 

Der zweite Teil des Bandes beschäftigt sich mit der zeitgenössischen wie der modernen Rezeption der Lieder Neidharts. Jörn Bockmann (Flensburg) reflektiert die intertextuellen Bezüge und die Berufung auf die Autorinstanz ‚Neidhart‘ in der spätmittelalterlichen Lyrik und Epik, während Claudia Händl (Genova) die singuläre Position des Autors im Kontext der europäischen Liebeslyrik im Hoch- und Spätmittelalter skizziert. Über die akademische Rezeption der Lieder Neidharts im italienischsprachigen und im anglofonen Raum berichten Barbara Sasse Tateo (Bari) und Albrecht Classen (Tuscon/ Arizona). Die moderne Neidhart-Rezeption bei Dieter Kühn ist Thema des Beitrags von Sigrid Neureiter (Wien). Anna Kathrin Bleuler erörtert und kommentiert die diversen neuhochdeutschen Übersetzungen des Neidhart’schen Lied-Oeuvres.

 

Neidhart schafft als literarische Figur in Schwänken und Spielen auf einzigartige Weise den Sprung ins Spätmittelalter. Seine literarischen Nachwirkungen lassen sich bis ins 16. Jahrhundert hinein  dokumentieren. Die Beiträge von Erhard Jöst (Heilbronn) und Andrea Grafetstätter (Boulogne-sur-Mer) befassen sich mit diesem Rezeptionsphänomen. Es folgt der Artikel von Elisabeth Vavra (Krems) über die bildkünstlerischen Reflexe der poetischen Motive in Neidharts Liedern. Den Abschluss des Handbuchs bildet der Epilog von Karin Garulli-Ebner (Arese/ Mailand).

 

Im Anschluss an die Forschungsbeiträge rundet die aktualisierte Gesamtbibliografie und eine Diskografie den Hauptteil des Handbuchs ab. Ergänzt wird dieser durch ein Lied- und Forschungsregister sowie durch ein umfangreiches, aus der MHDBDB generiertes Sachregister zu folgenden Gegenständen: Namen, Orte, Musik, Flora, Fauna, Bekleidung & Accessoires, Bewaffnung und Nahrung, das den LeserInnen eine effizientes Instrumentarium zur Erschließung des Neidhart’schen Textkorpus in die Hand gibt. Das datentechnische Konzept zur Erstellung des Sachregisters stammt von Daniel Schlager (MHDBDB/ ITServices).

 

Das Handbuch ist dem Andenken an Ulrich Müller gewidmet, der es angeregt hat, dem es aber leider nicht mehr vergönnt war, dessen Realisierung zu erleben. Die Neidhart-Forschung und wir alle haben ihm viel zu verdanken.